Pressemeldung zum "Jiddisch
zum Selbststudium im Internet" - einer E-Learning-Anwendung,
die 2001 von uns realisiert wurde
09. Februar 2001 Spiegel
Online
P A N O R A M A | K U L T U R
| W I S S E N S C H A F T
J I D D I S C H S U R F E N
Sprachlabor im Internet
Von Holger Kulick
Ein Verein bietet einen außergewöhnlichen
Kulturschatz im Internet an: Die untergegangene
jiddische Kultur und Sprache in Tonbeispielen.
Es gibt Homepages im Internet, die wie ein
kleines Juwel erscheinen: "www.jiddischkurs.org"
gehört dazu. Für diese Site lässt ein kleiner
Düsseldorfer Verein seit neun Jahren 6000 Stunden
Tonaufnahmen einer verloren gegangenen Kultur
digitalisieren, dem Jiddischen. Das Ziel ist es, mit Augen und
Ohren "einer fremden Kultur zu begegnen, die
mitten in Europa, im Rhein- und Donauraum, entstanden ist und
an der während ihrer Hochzeit im ersten Drittel
des 20. Jahrhundert zwischen elf bis zwölf
Millionen Menschen weltweit teil hatten. Sie ist jetzt
fast völlig aus Europa verschwunden." So lautet eine
Selbstbeschreibung des "Verein für jüdische
Sprache und Kultur", der vor zehn Jahren entstand.
An seiner Spitze stehen unter anderem der
ehemalige Berliner Bürgermeister Klaus Schütz und der Vorsitzende
des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel.
"Sie können hier einerseits jiddisch
lernen, aber auch viel über das Jiddische
erfahren", erläutert der Marburger Linguist Robert Neumann.
Für den Mitinitiator des Projekts hat das Jiddische
eine europäische Dimension. Es lebte
europaweit mit anderen Kulturen zusammen. Es gab
kein Jiddischland, sondern nur eine übergreifende Kultur,
"der die Idee fremd war, dass ein Volk einen
Staat und nur eine Kultur braucht", so Neumann.
Originalsprachaufnahmen aus den fünfziger
und sechziger
Jahren
Auf der Website finden sich historische Erläuterungen,
eine Sprachkarte und 50 Minuten historische
Hörproben. Diese Aufnahmen erfolgten
bereits in den fünfziger und sechziger Jahren auf Initiative
des Linguisten Max Weinreich, einem Emigranten aus
Wilna, und seinem Sohn Oriel. Heute wird diese
Sammlung betreut von Marvin Herzog an der
Universität von Columbia in New York, wo die Bänder
nach und nach digitalisiert werden. Im Lauf der nächsten
fünf Jahre sollen sie komplett auf der
Homepage des Vereins abrufbar werden. Die
Grundfinanzierung erfolgte zunächst mit Hilfe der Europäischen
Gemeinschaft und der Krupp-Stiftung in Essen.
Rund 650.000 Mark fehlen aber noch, um die
hohen Digitalisierungskosten zu decken.
Zu dem Sprachschatz gehören auch verloren
gegangene Lieder, die gesichert werden müssten.
Die jiddische Bewegung fühlte sich stark mit
der Arbeiterbewegung und anarchistischem Denken verbunden, deshalb
sind viele sozialkritische und politische Texte dabei. Bislang
sei dies alles "wie ein blinder Fleck" behandelt
worden - niemand schaute hin. Seit Mitte
Dezember scheint das anders zu werden, als die
Homepage freigeschaltet wurde. Ohne jede Reklame gingen seit
Anfang Februar 26.000 Nachfragen bei "www.jiddischkurs.org"
ein, Meinungsbeiträge dagegen kaum, klagt
der Mitinitiator Robert Neumann. Und rechte
Beschimpfungen? "Wenn welche kommen, die filtern
wir weg".
©
SPIEGEL ONLINE 06/2001
zurück

|